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Mittwoch, 25. November 2009

nie wieder autoreifen

Heute widmen wir uns einem etwas ernsteren Thema, dessen Diskussion mal wieder vom guten, alten Herrn Jörg Luibl ausgegangen ist. Dieser Herr Luibl, der manchen vielleicht als Chefredakteur einer selbsternannt „kritisch. ehrlich. aktuellen“ Website ein Begriff ist, hat am vergangenen Wochenende in einer Kolumne zu seinem jährlichen frühweihnachtlichen Rundumschlag gegen die böse Spieleindustrie ausgeholt. Auf diese Kolumne reagierte Boris Schneider-Johne in seinem (privaten) Blog mit einem an Luibl adressierten Eintrag und seither schlagen die Wogen zwischen den beiden hoch.

Doch worum ging’s dabei eigentlich? Luibl echauffiert sich in seiner Kolumne über Embargos und ihre Umsetzung – wie gewohnt mit harten Worten und einem Tunnelblick der seinesgleichen sucht bzw. mich wieder einmal mahnt, künftige Kolumnen einfach nicht mehr zu lesen um mir Zeit und Nerven zu sparen. Schneider-Johne, dessen journalistische Tätigkeit ja doch schon eine Weile zurück liegt, kontert mit dem Blickwinkel eines PR-Angestellten. Doch wo liegen Ansatzpunkte, die das Zusammenspiel von Hersteller und Journalist erleichtern können?

Man muss hier natürlich beide Seiten der Medaille betrachten. Videospiele haben sich in den letzten 30 Jahren kontinuierlich weiter entwickelt – auch was den zeitlichen und finanziellen Entwicklungsaufwand anbelangt. Wenn ein Team von über 100 Mitarbeitern über einen Zeitraum von sagen wir mal zwei Jahren dauerhaft an der Entwicklung eines Spiels arbeitet und der Hersteller dreistellige Millionenbeträge investiert, liegt es doch auf der Hand, dass dieser Hersteller sein Produkt nicht vor dem offiziellen Release schon einer Horde von selbsternannten „kritisch. ehrlich. aktuellen“ Bewertern zum Fraß vorwirft. Andererseits bedient natürlich diese Horde von Bewertern ein gewisses Publikum, nämlich die Spieler – und die wollen so früh wie möglich so viel wie möglich über das Produkt wissen. Ob es gut oder schlecht ist und wie viel Prozent es beim Test eingefahren hat, man will ja schließlich nicht die Katze im Sack vorbestellt haben.

Nun nähern wir uns auch schon dem Kern des Problems – nämlich den Spieletests. Und hier besteht dringender Handlungsbedarf. Das soll jetzt aber nicht zu der alten Diskussion führen, ob Print tot ist oder Online zu viel Schindluder betrieben wird – nein, hier geht es allein um die Zahl am Ende eines Reviews, die sowohl in gedruckter Form, als auch am heimischen Monitor aufscheint. Wie oben bereits erwähnt, haben sich Videospiele in den letzten 30 Jahren wesentlich weiterentwickelt und diese Entwicklung betrifft alle Bereiche – Technik, Dramaturgie, Interaktivität, usw. Und genau hier haben sich Videospielmagazine in den letzten 30 Jahren kontinuierlich ihr heute größtes Problem heran gezüchtet – die Spielspaßwertung.

Hier macht es auch gar keinen Unterschied, ob wie bei IGN und Konsorten auf ein 10-Punkte-System oder wie bei der Computer Bild Spiele auf ein hochkomplexes mathematisches System bei dem am Ende ein Urteil von „ausgezeichnet“ bis „mangelhaft“ heraus kommt, gesetzt wird. Auch die GamePro mit ihrer Mischung aus subjektiver Meinung der Redakteure und objektiver Einschätzung der Einzelpunkte zusammengeführt zu einer Gesamtwertung in Prozenten kann hier nur scheitern – wer sich die Groteske vor Augen führen will, vergleiche aktuell die GamePro Wertungskästen von Uncharted 2 und Call of Duty: Modern Warfare 2 miteinander.

Das Problem an der ganzen Sache ist, dass hier versucht wird, Spielspaß mit einer Note von 1-10 bzw. 1-100% zu bewerten und somit eine Kaufentscheidung zu erleichtern. Solche Tests machen Sinn, wenn man beispielsweise Autoreifen testet, denn hier ergeben sich Möglichkeiten, die einzelnen Produkte auf die Qualität des Materials, die Griffigkeit bei Regen, Schnee und Eis oder zulässige Höchstgeschwindigkeiten zu testen. Videospiele jedoch haben sich als mediales Kulturgut etabliert und sind als solches sogar schon offiziell im diesbezüglich mittelalterlich denkenden Deutschland angekommen. Videospiele sind keine Autoreifen und sollten demnach auch nicht wie solche bewertet werden.

Noch einmal: Das Medium Videospiel hat in den letzten 30 Jahren eine enorme Entwicklung in allen grundlegenden Bereichen vollzogen und nicht nur das Gros der Spieler wird mit der Auffassung d’accord gehen, dass dieses relativ junge Medium sich bezüglich seiner Präsentation, Dramaturgie und Intensität zu Recht in eine Reihe mit Büchern oder Filmen stellen kann. Nun werfe man doch einmal einen Blick auf die Berichterstattung über Filme oder Bücher. Filmtest? Literaturreview? Dämmert’s langsam vielleicht auch Herrn Luibl? Die Lösung liegt in der Kritik.

Zum Teufel mit den Spieletests in denen endlos auf Framerates oder Antialiasing eingegangen wird, was wirklich nötig wäre ist eine fundierte Kritik mit einem Blick über den Tellerrand hinaus – ganz im Sinne eines Verständnisses für ein meinetwegen junges, aber nicht minder ernstzunehmendes Medium. Seriöse Film- oder Literaturkritik hat es doch auch nicht nötig, am Ende einen Wertungskasten mit diffus berechneten Zahlen präsentieren zu müssen. Weg von den Spieletests und hin zur Spielekritik, bitte.

Nun ist es natürlich berechtigt die Frage zu stellen, warum genau das nicht schon längst passiert ist. Die Antwort ist so einfach wie zermürbend – die „Tester“ haben sich mit ihren Tests eine ziemlich tiefe Grube geschaufelt aus der raus zu kommen sie alleine nicht mehr in der Lage sind, denn ihr Publikum lechzt nach Wertungen – je höher desto besser und den Hersteller wird’s auch nicht stören, denn mit Platin-Awards auf der Verpackung lässt sich ein Spiel umso leichter an den Kunden bringen. Genau hier gilt es also anzusetzen, ein Umdenken zu schaffen indem man sich von Wertungskästen und Zahlen verabschiedet, denn man darf der geneigten Spielerschaft durchaus zutrauen, sich ein Urteil ohne Zahlen bilden zu können. Auf zum nächsten Level des Spielejournalismus mit +10 Stats auf mediale Emanzipation und +15 auf Seriosität als Medium per se.

Lässt man sich auf dieses kleine Gedankenexperiment ein, wird schnell klar, dass damit viele elementare Probleme auf einen Schlag gelöst werden könnten:

- Die Sache mit den Embargos wäre für beide Seiten leichter zu lösen, was der Glaubwürdigkeit so mancher Publikation nur zuträglich sein könnte.
- Man würde metacritic, dem Blutegel jeglicher kritischer Seriosität, sämtlichen Wind aus den Segeln nehmen.
- Die Artworks von Spieleverpackungen wären endlich wieder ersichtlich und nicht durch zahlreiche Awards oder Zahlen verdeckt.
- Jörg Luibl würde uns nächstes Jahr zumindest mit dieser thematischen Keule verschonen.

Bitte, liebe Spielerschaft da draußen, lasst euer Hobby nicht gleichbedeutend mit Autoreifen werden. Lesen ist zwar anstrengender als das kurze Überfliegen einer Zahl, aber ihr werdet sehen – es lohnt sich.

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