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Dienstag, 20. April 2010

runter mit den scheuklappen

Aus aktuellem Anlass geht’s hier heute um – imaginärer Trommelwirbel – Kunst. Videospiele und Kunst. Videospiele als Kunst. Der Anlass dafür findet sich bei Roger Ebert, der manchem Leser vielleicht schon als Filmkritiker der Chicago Sun-Times bekannt sein dürfte. Dieser werte Herr Ebert hat in der Vergangenheit schon einmal behauptet, Videospiele könnten niemals Kunst sein. Soweit so gut, es gibt schließlich auch Menschen, die behaupten, dass Videospiele zu Amokläufen führen und einer irdischen Manifestation des Kinderseelen verzehrenden Höllenschlundes gleich kämen. Warum also nicht getrost darüber hinweg lesen und zum nächsten Punkt auf der Tagesordnung übergehen? Ganz einfach, weil Roger Ebert ein seriöser Filmkritiker ist und mit seiner Aussage keine populistischen, auf Regierungsperioden und Stimmabgaben zurechtgeschnittenen Ziele verfolgt.

Kellee Santiago, Game Designerin und Gründungsmitglied von thatgamecompany (unter anderem verantwortlich für die PSN Titel Flow und Flower) dachte wohl in eine ähnliche Richtung, als sie letztes Jahr in einem Vortrag direkt auf Eberts Kritikpunkte am Medium Videospiel einging und zu der Conclusio kam, dass Videospiele eben doch Kunst seien. Ebert hat sich mit seiner Antwort Zeit gelassen und vor einigen Tagen nun in seinem Journal der Chicago Sun-Times auf Santiagos Vortrag reagiert. Nein, Videospiele seien keine Kunst und werden es auch niemals sein. Gut, so weit waren wir schon…

Roger Eberts Kernaussage besteht darin, dass sich kein Videospiel mit den Werken der großen Schriftsteller, Regisseure, Maler oder Komponisten messen könne. Er bekräftigt diese Aussage mit der Argumentation, dass ein Spiel aus Aufgaben, Regeln und Herausforderungen besteht, die es zu meistern gilt, um zu gewinnen. Und eben dieses Gewinnen unterscheide Videospiele von Kunst, beispielsweise einem Film, dessen künstlerische Essenz in der Erfahrung liegt.

Ebert paraphrasiert hier Platon und Aristoteles, die Kunst als eine möglichst realistische Nachahmung der Natur verstanden und erweitert diese Definition um seine eigene Ansicht, derer nach die Herausforderung darin bestehe, die Natur in der Kunst zu verändern und mit der Seele des Künstlers zu beleben. Spätestens an dieser Stelle muss nun aber das große „Aber…“ einsetzen, denn was machen Videospiele hier denn anders? Es ist also Kunst, wenn ein Bildhauer mit Hammer und Meißel aus Stein eine Skulptur fertigt, soweit einigt man sich. Wenn nun aber ein Character Designer aus einzelnen Polygonen ein digitales Modell einer Figur zusammenstellt, geht der künstlerische Anspruch dabei nicht weniger verloren, nur weil das Endprodukt ein digitales ist. Hier beißt sich Eberts Katze in den Schwanz, denn würde man seiner Logik konsequent folgen, wäre ein Großteil der aktuellen Filme (die doch per se schon Kunst darstellen, weil sie die Natur abbilden) ohne jeglichen Kunstanspruch, weil sie auf digitale Effekte und Animationen zurückgreifen. Aber halt, für solche Kategorien gibt es doch sogar spezielle Auszeichnungen, ja sogar den Oscar, der dieses Jahr an Avatar vergeben wurde. Ist nun Avatar kein Film oder keine Kunst?

Videospiele bilden die Natur genauso ab, wie traditionelle Medien und sie verändern sie gleichsam. Der Künstler, der seine Seele in das Kunstwerk mit einbringt ist hier eben kein Regisseur, Schriftsteller oder Maler, sondern ein Game Designer, Game Writer oder Character Designer. Dabei imitiert das Medium Videospiel die traditionellen Medien aber nicht, sondern ergänzt sie um einen ganz wesentlichen Faktor – nämlich den der Interaktivität. Und was möge mehr zur Erfahrung eines Mediums beitragen, als die Interaktivität mit eben jenem?

Das Medium Videospiel hat zugegeben simple Ursprünge, die nicht zuletzt auf technische Limitationen zurückzuführen sind. Aber transferiert nicht bereits eine Partie Tennis for Two die zentrale, oft zitierte und zweifelsfrei als Kunst anzusehende Frage nach „Sein oder Nichtsein“ in einen neuen medialen Kontext? Nun sind aber seit Tennis for Two bereits ein paar Jahre in die Medienlandschaft gezogen und ich komme nicht darum herum, Heavy Rain zu thematisieren, das aktuell einen Ausblick darauf ermöglicht, was sich im Bereich der Videospiele noch alles tun kann und auch tun wird. Gerade Heavy Rain setzt sich eindrucksvoll über die von Ebert kritisierten Aufgaben, Regeln und Herausforderungen hinweg und zeigt dabei auf, welch grandiose Möglichkeiten zum Erreichen einer finalen Katharsis (die man nämlich auch erwähnen sollte, wenn man Aristoteles heranzieht) nicht zuletzt begründet in der Interaktivität – dem großen Vorteil des Mediums Videospiel – hier noch offen stehen und deren Nutzung zukünftig zweifellos noch ausgebaut werden wird.

Obwohl die Essenz dieses ganzen Diskurses nicht darin bestehen kann, sich in formalen Streitigkeiten zu verlaufen, ob ein Medium nun Kunst sei oder nicht, ist dies offenbar auch ein unabdingbarer Schritt zur Emanzipation jedes jungen Mediums. So sehr sich traditionelle Medien wie Literatur oder Theater anfangs beispielsweise gegen den Film gewehrt haben, so wehren sie sich aktuell eben gegen Videospiele. So berechtigt Pioniere wie der von Ebert erwähnte Georges Méliès heute geschätzt werden, so wird auch ein David Cage noch zu verdienten Ehren kommen.

Lieber Herr Ebert, Kunst liegt im Auge des Betrachters. Und der hat mehr zu betrachten, wenn sich sein Horizont über den Tellerrand hinaus erstreckt.

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